Wenn ein Ball 60 Meter reist: Mats Hummels und die Kunst des Spielöffnens
Es gibt Tore, die man nie vergisst. Und dann gibt es Pässe, die man ebenfalls nie vergisst – auch wenn sie in keiner Torjägerkanone auftauchen. Bei Mats Hummels gehören Letztere zum Repertoire wie die Armbanduhr zum Anzug. Der Mann hat im Lauf seiner Karriere buchstäblich hunderte Kilometer an Bällen durch die gegnerische Mittelfeldabteilung geschickt. Wir haben uns fünf seiner wichtigsten Einleitungen vorgenommen und taktisch auseinandergenommen.
Warum der erste Pass alles entscheidet
Bevor wir in die Matchdetails eintauchen, ein kurzer Blick auf das Grundprinzip. In der modernen Gegenpressing-Ära, die Jürgen Klopp und später Pep Guardiola geprägt haben, ist der erste Pass nach Balleroberung zum wichtigsten Spielzug überhaupt geworden. Wer hier verliert, läuft sofort ins offene Messer. Wer hier trifft, überspringt die gesamte Pressingkette des Gegners.
Und genau da kam Hummels ins Spiel. Während viele Innenverteidiger ihrer Zeit im Ballbesitz auf Sicherheit und Querpässe setzten, spielte er wie ein Mittelfeldspieler im Abwehrtrikot. Seine Passquoten über 90 Prozent klingen zunächst unspektakulär – entscheidend ist aber, wie viele seiner Pässe nach vorne gingen und wie viele davon die gegnerische Linie durchbrachen. Bei Hummels waren das regelmäßig Spitzenwerte, Saison für Saison.
Fall 1: Das 45-Meter-Bein gegen den Gegendruck
Das erste Beispiel führt uns zurück in die Bundesliga-Ära unter Thomas Tuchel in Dortmund. In der Saison 2015/16 war Borussia häufig gegen tiefstehende Gegner gefangen: Ballbesitz ohne Räume, Geduldsspiel ohne Belohnung. Genau in diesen Momenten entdeckte Hummels Lücken, die auf dem Platz nur für Sekunden existierten.
Sein Markenzeichen: der halblange Diagonalball mit Drall hinter die Kette. Kein Hail-Mary-Ball in den Strafraum, sondern ein präziser, mit Effet gespielter Pass auf den herankommenden Linksverteidiger oder den Flügelstürmer. Der Ball umkurvte das Mittelfeld komplett, und plötzlich stand ein Dortmund-Angreifer im Eins-gegen-eins. Aus solchen Situationen entstanden in jener Saison unzählige Torchancen – und fast keiner der Beteiligten sprach später über den Pass, der es erst möglich gemacht hatte.
Fall 2: Die WM 2014 – Spielöffnung auf Weltniveau
Wenn wir über Hummels' größte Bühne sprechen, denken alle an seinen Kopfball gegen Frankreich im Viertelfinale. Aber sein eigentlicher Wert im Turnier lag woanders: im Spielaufbau gegen defensible Mannschaften, die Deutschland den Raum vor der Abwehr dicht machten.
Joachim Löws System lebte davon, dass die Innenverteidiger das Spiel vorantreiben. Hummels' vertikale Pässe in den Zwischenraum zwischen Sechser und Innenverteidigung waren in Brasilien ein zentrales Werkzeug. Besonders gegen Algerien und im Finale gegen Argentinien brachen seine Einleitungen immer wieder die erste Pressinglinie auf – und schufen die Raumgewinne, aus denen Deutschlands Offensivabteilung arbeitete. Ein Weltmeistertitel als Innenverteidiger ohne einen einzigen Befreiungsschlag ins Nichts: Das war kein Zufall, sondern System.
Fall 3: Der Rücktritt mit Ansage
Das dritte Beispiel ist weniger ein einzelner Ball als eine wiederkehrende Szene: Hummels im Dress des FC Bayern, der nach einer Balleroberung in der eigenen Hälfte erst kurz anlaufen lässt, die Gegner anlockt – und dann mit einem 50-Meter-Pass die gegnerische Abwehr kalt erwischt.
Was hier taktisch passiert, ist hochinteressant. Hummels nutzt die Wartezeit bewusst, um die Pressingstruktur des Gegners zu verändern. Je länger er den Ball hält, desto mehr Spieler treten aus der gegnerischen Formation heraus, um zu stören. Und genau diese Spieler lösen die Räume, in die er dann spielt. Es ist wie Schach: Der Pass ist der letzte Zug einer Kombination, die schon Sekunden vorher begonnen hat.
Fall 4: Der Rückkehr nach Dortmund – Alter Wein in neuen Schläuchen
Nach seiner Rückkehr zu Borussia Dortmund 2019 hatten viele Beobachter erwartet, dass Hummels sein Spiel anpassen würde. Das Gegenteil war der Fall. Unter Lucien Favre wurde das gezielte Einleiten sogar noch wichtiger, weil das Team oft auf Ballbesitz im Mittelfeld setzte und die Endstationen erst spät suchte.
Statistisch gesehen spielte Hummels in dieser Phase einige seiner besten Saisons überhaupt – mit Blick auf Pässe in den finalen Drittel und Ballbesitzüberbrückung. Der Unterschied zur jungen Hummels: Er wählte jetzt noch selektiver. Weniger spektakuläre Bälle um jeden Preis, dafür mehr Pässe mit maximaler erwarteter Torwahrscheinlichkeit. Ein Innenverteidiger, der wie ein Spielmacher denkt und gleichzeitig wie ein Abwehrchef rechnet.
Fall 5: Der Ball in die Schnittstelle – die meistkopierte Aktion
Unser letztes Beispiel ist die vielleicht einflussreichste Aktion seines Repertoires: der flache Pass in den Halbraum, direkt zwischen Innenverteidiger und Sechser des Gegners. Kein hoher Ball, sondern ein scharfer, am Boden spielender Pass, der den Angreifer genau in seinen Lauf führt.
Diese Aktion hat in den letzten Jahren ganze Generationen von Innenverteidigern geprägt. Von Jonathan Tah über Nico Schlotterbeck bis zu jungen Talenten in der 3. Liga: Überall sieht man heute Innenverteidiger, die versuchen, den Ball in diese Schnittstellen zu spielen. Das ist Hummels' eigentliches Erbe – nicht ein einzelnes Tor, sondern ein ganzer Spielzug, der zum Standard geworden ist.
Was bleibt, wenn die Karriere endet
Man kann über Mats Hummels streiten – über seine Entscheidung, über einzelne Spiele, über das eine oder andere Gegentor. Was man aber nicht streiten kann: Sein Passspiel hat die Rolle des modernen Innenverteidigers in Deutschland verändert. Er hat gezeigt, dass der letzte Mann auch der erste Angriffsspieler sein kann.
Und vielleicht ist genau das die schönste Art, ein Spiel zu drehen: nicht mit dem Torschrei in der 90. Minute, sondern mit einem Ball, der 60 Meter reist und im Kopf des Betrachters hängen bleibt – lange nach Abpfiff.